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Von Unterensingen nach Pennsylvania: Das Leben von Matthias Kemmner

Am 12. Juni 1827 wurde Matthias Kemmner in Unterensingen geboren. Seine Eltern Matthäus und Katharina Kemmner waren Bauern im Ort, der damals noch zum Königreich Württemberg gehörte. Matthias Eltern Matthäus und Katharina waren meine Ururururgroßeltern, da ich jedoch von Matthias Bruder abstamme, ist Matthias mein Urururgroßonkel.

Matthias Eltern Matthäus und Katharina waren meine Ururururgroßeltern.

Matthias wurde an einem Dienstag, den 12. Juni abends um 5 Uhr geboren. Am selben Tag kam auch Johanna Spyri in der Schweiz zur Welt, die später die bekannte Kinderromanfigur Heidi erfand. Zwar spielt der Roman auf der Schweizer Alm und in der Großstadt Frankfurt am Main, dennoch kann man sich das damalige Leben durch den Vergleich mit Heid vielleicht ein wenig besser vorstellen.

Einen Tag nach seiner Geburt, am 13. Juni 1827 wurde Matthias von Pfarrer Dorn auf den Namen Matthäus getauft, später nannte er sich selbst jedoch Matthias oder Matthew. Seine Taufzeugen waren Jacob Mayer und Maria Magdalena Gähr, die als ledige Tochter von Gottlieb Gähr beschrieben wird. Leider kann ich keine Verbindung zu einem Jacob Mayer finden, da sowohl Matthias Mutter als auch sein Vater Mayer in ihrer Familie hatten. Maria Magdalena war die Cousine von Matthias Mutter Katharina.

Matthias und seine Taufzeugin Maria Magdalena Gähr sind dunkel markiert. Alle unabhängigen Familienmitglieder mit Namen Mayer sind hellgrau markiert.

Über seine Kindheit weiß ich leider nicht viel - selbst mein Opa, der mir so viel über die frühere Zeit erzählt hatte, ist erst etwa 100 Jahre später geboren. Matthias war das fünfte von insgesamt elf Kindern. Mit seinem Namen Matthäus erhielt er den Namen seines ein Jahr zuvor verstorbenen Bruders. Dieser war mit vier Jahren an Krämpfen verstorben. Auch Matthias erlebt während seiner Kindheit den Tod von mindestens zwei seiner Geschwister. Das waren sicherlich traurige Familienereignisse, leider gehörte der Tod von Kindern oder Geschwistern damals jedoch zum Alltag. Zwischen 1830 und 1860 lag die Kindersterblichkeit bei 20-30% (Quelle). Bei elf Kindern waren drei Sterbefälle also völlig normal. In der Zeit wird 1992 über die Kindersterblichkeit im 19. Jahrhundert berichtet: "Was war das Leben eines Neugeborenen schon wert? In der Familie seiner Mutter, schreibt Oskar Maria Graf, 'machte man ... kein großes Aufheben. Jedes Jahr wurde eins geboren. Starb es, so war es schade, blieb es am Leben, war es gut.' Das Neugeborene hatte zunächst nicht einmal eine eigene Individualität – wenn es starb, bekam ein anderes seinen Namen" (Quelle). So war es auch bei Matthias, der in einer Zeit lebte, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.


Matthias besuchte sicherlich ein paar Jahre lange die örtliche Schule und wurde dann am 18. April 1841 in der evangelischen Kirche in Unterensingen konfirmiert.


In der Oberamtsbeschreibung Nürtingens von 1848, Matthias wurde in diesem Jahr 21 Jahre, werden die damaligen Einwohner Unterensingens folgendermaßen beschrieben: "Die Einwohner, ein wohlgebildeter und kräftiger Menschenschlag, werden als arbeitsam und sehr mäßig geschildert. Der Branntweingenuß ist hier weniger allgemein, als in so vielen andern Orten. Die ökonomischen Umstände gehören zu den besseren im Oberamte; es gibt einige vermögliche Güterbesitzer, aber doch auch gegen dreißig arme Familien" (Quelle).

Das Dorf Unterensingen lag zu Matthias Geburt im Königreich Württemberg (Quelle: Unterensingen, Geiger Verlag, 1984).

Als Matthias 21 war, starb 1849 sein Vater an Unterleibsleiden. Die Mutter Katharina musste sich nun eigenständig um die bäuerlichen Arbeiten kümmern. Die jüngste Tochter war gerade zehn Jahre alt, glücklicherweise konnten Matthias und seine älteren Geschwister bei den Arbeiten helfen.


Fünf Jahre später und nach der vermeintlich gescheiterten Revolution 1848/49 brach der 26 jährige Matthias auf in Richtung Amerika. Heute können wir nur spekulieren, aus welchen Gründen Matthias auswanderte, jedoch wuchs die deutsche Bevölkerung zu Beginn des 19. Jahrhunderts stark an: „Es zeichnete sich zwar ein beginnender Industrialisierungsprozess ab, die Mehrzahl der Arbeitskräfte war aber immer noch in der Landwirtschaft tätig. Der enorme Bevölkerungsanstieg führte in einigen Regionen Deutschlands zu einer buchstäblichen Überbevölkerung (…) Auf dem Lande ging gleichzeitig mit dem Anstieg der Bevölkerung der Niedergang der Kleinbauern einher. Als Ursache dafür ist, neben einer Reihe von Missernten, die große Zersplitterung der Anbaufläche durch die Realteilung im Westen und Südwesten Deutschlands zu nennen. Angesichts der geringeren Erträge in der Landwirtschaft kam es zu einer immer schlechteren Ernährungssituation für die Bevölkerung. Die größten Ernährungskrisen wurden in den dreißiger, vierziger und frühen fünfziger Jahren durch witterungsbedingte Missernten in allen Teilen Deutschlands verursacht. In einigen Gegenden brachen regelrechte Hungersnöte aus.“ (Quelle).

Matthias bestieg am 21. Mai 1854 in Le Havre in Frankreich das Segelschiff William Tell, das erst vier Jahre zuvor gebaut wurde. Le Havre war bereits damals gut mit der Eisenbahn zu erreichen. Aus Württemberg kommend musste Matthias zunächst in Köln und dann in Paris umsteigen. Viele Auswanderer bevorzugten im 19. Jahrhundert die Abreise ab Le Havre statt von Hamburg oder Bremen aus, da man sich die Strecke durch die Nordsee und den Ärmelkanal und damit auch bis zu zwei Wochen Reisezeit sparte (Quelle).


Das Segelschiff William Tell segelte von 1850 bis 1961 in der zweiten Linie von Boyd & Hincken zwischen New York und Le Havre und brannte dann nach einem tragischen Unfall im New Yorker Hafen aus. Die durchschnittliche Überfahrt der William Tell nach Amerika betrug 36 Tage, ihre schnellste Überfahrt schaffte sie in 25 Tagen, die längste dauerte 60 Tage. Matthias erreichte Castle Garden gemeinsam mit 617 weiteren Auswanderern am 27. Juni 1854 und reiste nach New York ein. Seine Überfahrt dauerte 37 Tage unter sicherlich sehr schlechten hygienischen Bedingungen.

Die Segelschiffe, die damals zur Auswanderung genutzt wurden, waren eigentlich Frachtschiffe, die Textilien, Tabak, Getreide, Salz oder Eisenwaren beförderten. Für den Personentransport wurden damals oft nur provisorische Etagenbetten aufgestellt. Die Passagiere mussten auf engstem Raum leben, schlafen und essen. Toiletten gab es kaum, Waschräume erst recht nicht. Die Menschen wuschen sich, wenn überhaupt, mit Seewasser (Quelle).


Das Essen mussten die Reisenden häufig selbst mitbringen, an Bord gab es nicht genügend und oft nur verdorbene Ware, schließlich gab es keine Kühlmöglichkeiten auf der wochenlangen Überfahrt. Gingen die Lebensmittel vor Ende der Reise aus, man wusste ja nicht genau, wie lange man unterwegs war, mussten die Auswanderer hungern (Quelle).


Neben den beengten Verhältnissen machten auch die Wetterverhältnisse den Passagieren zu schaffen: Stürmisches Wetter machte viele Passagiere seekrank - damals konnte man den Stürmen weder durch elektronische Vorwarnung ausweichen, noch waren die Schiffe mit Stabilisatoren ausgestattet. Auch die heiße Sonne im Sommer, starker Regen und Kälte im Herbst und Winter machten die Überfahrt zu einer Tortur (Quelle).


All das führte zu sehr schlechten hygienischen Verhältnissen. Krankheiten verbreiteten sich unter den Passagieren schnell: „Durch überladene Schiffe und den Mangel an Platz, um lebenswichtige Nahrung zu lagern, unzureichende Hygiene und teilweise auch verdorbene Lebensmittel konnte kein Überleben der Auswanderer gesichert werden, die zu dem auch noch physisch und psychisch belastet waren. Typische Seekrankheiten waren demnach im harmlosesten Fall Fieber, Erbrechen und Kopfschmerzen im schlimmsten Fall konnte diese aber zu Geschwulsten, Scharbock (Vitaminmangel), Krebs und Mundfäulen führen“ (Quelle). Daher ist es erstaunlich, dass auf der Überfahrt vom 21. Mai bis 27. Juni nur zwei Menschen starben (Quelle).


Zu den einzelnen Reisen gibt es kaum Informationen, jedoch habe ich folgenden Kommentar gefunden: "Packet ship WILLIAM TELL, Funk, master, arrived at New York on 27 June 1854, from Havre 21 May, with merchandise and 618 passengers, to Boyd & Hincken. '11th [instant], lat 42 35, lon 51, saw a large iceberg'“ (Quelle).

Die Überreise kostete um 1850 etwa 30-50 Taler. Das entsprach in etwa einem Jahreslohn eines Lehrers (Quelle), Matthias muss als Bauer also lange gespart haben, um sich die Reise zu finanzieren.


In einem Familienbuch aus Schuylkill County, Pennsylvania, findet sich über Matthias folgende Angabe: „Coming to America when he was twenty seven years of age, he landed at New York and then went to Philadelphia, later settling at Tamaqua, Pa., where he was married. He was a butcher, and followed his trade there for a short time, then buying the farm in West Penn township“ (Quelle).


Leider konnte ich nicht genau herausfinden, wo sich Matthias Farm befand. Jedoch übernahm später sein Sohn Lewis die Farm, auf dessen Sterbeurkunde als Wohnort die Reynolds Road eingetragen ist. Auf Google Maps lassen sich auf dieser Straße einige Bauernhöfe erkennen.

Der Ort Tamaqua im Jahr 1843 (Quelle: Day, Sherman, Historical Collections of the State of Pennsylvania, George W. Gorton, Publisher, Philadelphia, 1843).

In Tamaqua lernte er zwischen 1856 und 1859 die fünf Jahre jüngere Witwe Fredericka Gebhard kennen. Sie und ihr erster Ehemann Christopher Walter waren ebenfalls aus Württemberg und hatten bereits vier Kinder (Quelle). Woher genau Fredericka und Christopher kamen, habe ich leider bisher nicht herausgefunden.


Matthias und Fredericka heirateten vermutlich in der Zion Evangelical Lutheran Church in Tamaqua oder der Zion’s Stone Church in West Penn township und bekamen 1859 einen Sohn namens William.


Im 1860 Census wird Matthias als 33 jähriger Farmer aus Württemberg gelistet. Seine Farm hatte einen Wert von 800 Dollar, sein weiteres Vermögen, bestehend aus beispielsweise Bargeld, Tieren, Schmuck oder Möbeln (Quelle) gab Matthias mit 450 Dollar an. Heutzutage wäre die Farm fast 25.000 Dollar Wert gewesen, sein weiteres Vermögen würde 14.000 Dollar betragen (Quelle). Mit ihm lebten damals die 28 jährige Fredericka und die Kinder Christi (10), Rose (8), Mary (5) und Emma (4) aus Frederickas erster Ehe sowie der gemeinsame Sohn William (1) (Quelle).

1861 bekamen Matthias und Fredericka einen zweiten Sohn namens Matthew.


Mittlerweile war der Amerikanische Bürgerkrieg im vollen Gange. Im Juni 1863 mussten sich alle Männer zwischen 20 und 45 Jahren zum Dienst melden. Dabei wurden die Männer in drei Klassen aufgeteilt: In Class I befanden sich alle Männer zwischen 20 und 35 sowie alle unverheirateten Männer zwischen 36 und 44 Jahren. In der zweiten Gruppe befanden sich alle verheirateten Männer zwischen 36 und 44 Jahren, dazu gehörte auch Matthias. Die dritte Gruppe bestand aus Freiwilligen (Quelle). Da sich keine weiteren militärischen Unterlagen zu Matthias finden lassen, gehe ich davon aus, dass er nicht eingezogenen wurde. Die Freiwilligen und Personen der ersten Gruppe, also junge und unverheiratete Männer, reichten vermutlich aus, um den Bedarf an Soldaten zu decken.


Anfang Juli des selben Jahres fand in Gettysburg, nur 200 Kilometer vom Wohnort der Familie, die schreckliche Schlacht von Gettysburg statt, bei der fast 6.000 Soldaten starben und etwa weitere 40.000 Soldaten verwundet wurden (Quelle). Der Bürgerkrieg muss für die Familie eine schreckliche Zeit gewesen sein, wenngleich auch ihr Wohnort verschont blieb.


Ein Jahr später, der Bürgerkrieg war noch nicht beendet, kam der dritte Sohn Lewis auf die Welt. Nach Kriegsende 1865 wurden im Juni Steuern erhoben. Als Fleischer (butcher) in West Penn township musste Matthias 4,17 Dollar Steuern zahlen.


Im Sommer 1866 wurde Matthias vierter Sohn John geboren. 1869 folgte die erste Tochter Elizabeth, die Lizzie genannt wurde.


Im Census Record von 1870 erscheint Matthias dann als 43 jähriger Laborer, also Arbeiter. Sein Immobilieneigentum, also seine Farm war nun 600 Dollar, sein persönliches Vermögen 150 Dollar wert. Mit ihm zusammen lebten seine Frau Fredericka sowie die Kinder Mary (16), Emma (14), William (11), Matthew (9), Lewis (6), John (4) und Elizabeth (1). Frederickas Beschälftigung wird als Hausfrau angegeben, die Kinder waren alle zuhause. Mary, Emma, William und Matthew besuchten die Schule, jedoch nur die beiden ältesten konnten lesen. Schreiben konnte angebliches keines der Kinder (Quelle).

In den folgenden Jahren wurde drei weitere Kindern geboren: 1872 bekamen Matthias und Fredericka eine zweite Tochter namens Anni. 1873 wurde Daniel geboren, der leider bereits als Kind starb. 1875 wurde die dritte Tochter Kate geboren.


Am 7. Juni 1880 wurde erneut ein Census erhoben. Der 52 jährige Bauer Matthias gibt an, gemeinsam mit seiner Frau Fredericka und den Kindern Lewis (16), John (13), Lizzia (12), Annie (8) und Kate (5) zu wohnen. Die Söhne Lewis und John arbeiten bereits als Bauern. Lewis besuchte als einziger Sohn im Jahr 1880 die Schule. Die 12 jährige Tochter Lizzie arbeitete bereits als Dienstmädchen.

Leider verstarb Fredericka bereits ein Jahr später mit 49 Jahren (Quelle). Ich konnte nicht herausfinden, woran Fredericka gestorben war. Aber Matthias musste seine Familie plötzlich nicht nur versorgen, sondern sich auch alleine um die insgesamt 11 Kinder kümmern. Die Töchter Kate und Annie waren gerade erst fünf und neun Jahre alt. Die Zeit war für Matthias sicherlich nicht leicht.


Was Matthias in den folgenden Jahren erlebt hat, lässt sich nur erahnen. Im Familienbuch aus Schuylkill County, Pennsylvania steht geschrieben: "He carried on general farming until his death, and attended market at Tamaqua“ (Quelle). Leider ist der Census aus dem 1890 größtenteils verbrannt, sodass hier keine Angaben zu finden sind. Aus den Jahren 1890 bis 1893 findet sich Matthias Name auf der Teilnehmerliste der Kommunion der Zion Evangelical Lutheran Church in Tamaqua. Dort ist gelegentlich auch von einer Mrs. Matthias Kemmner die Rede - eventuell hat er also nach dem Tod seiner ersten Frau eine neue Lebenspartnerin gefunden.

Dass Matthias häufig in die Kirche ging verrät auch das örtliche Familienbuch: „Mr. Kemner was a Democrat and interested in local politics. He was an active member of Zion's Lutheran Church in West Penn township, and he and his wife are buried there“ (Quelle).


Am 18. Februar 1899 starb Matthias mit 71 Jahren und wurde auf dem Zions Stone Church Cemetery in New Ringgold beerdigt.

Am 6. März 1899 wurde ein Administrationsbrief erstellt, der es dem ältesten Sohn William erlaubte, den Nachlass seines Vaters zu verwalten. Auch in mehreren Zeitungen wurde William als Nachlassverwalter veröffentlicht.


Da Matthias so viele Kinder hatte, die auch wieder viele Kinder bekomme haben, gibt es in und um Tamaqua in Pennsylvania viele Nachfahren von Matthias. Mit einem Urururenkel von Matthias, der auch Matthew heißt, stehe ich mittlerweile im Kontakt. Und wer weiß, vielleicht treffen wir uns irgendwann mal, wenn ich mir die Gegend anschaue in der Matthias gelebt hat.

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