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Kaiserlicher Hoflieferant in Wien: Das Leben von Gottlob Kemmner.

Aktualisiert: 4. Okt 2019

Gottlob Kemmner wurde am 21. November 1884 als fünfter von insgesamt acht Kindern geboren. Seine Eltern Christian Kemmner und Christiane Luise Gähr waren Bauern in Unterensingen. Gottlob war ihr fünfter Sohn. Nur wenige Tage nach seiner Geburt wurde Gottlob am 26. November getauft. (Deutschland, ausgewählte Geburten und Taufen, 1558-1898, FHL Filmnummer: 1340124)


Über seine Kindheit weiß ich leider nicht viel. Generell gibt es nur wenige Dokumente, die Auskunft über Gottlob geben. Mein Opa hat mir jedoch über seinen Onkel, den Bruder seiner Mutter, berichtet: Gottlob soll ein tüchtiger Mann gewesen sein.


In seinem Buch schreibt mein Opa über die Tätigkeiten seines Onkels: „Gottlob (…) arbeitete nach seiner Mechanikerlehre bei der Firma Eisemann in Stuttgart. Eisemann war ein Konkurrenzunternehmen zu Bosch und stellte ebenfalls Autoelektrikteile her, unter anderem auch Zündapparate für Ottomotoren." (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's)


Arbeiter fertigen im Jahr 1900 Magnetzünder beim Konkurrenzunternehmen Bosch (Foto: Bosch).

Die Firma Eisemann wurde in den 1890er Jahren als elektrotechnisches Installationsunternehmen von Ernst Eisemann gegründet und stellte in seinen Anfängen zunächst Phonographen, also Sprechmaschinen, her. Erfolgreicher war das Unternehmen jedoch bei der Herstellung von Magneten und Zündkerzen für die Automobilindustrie. In diesem Bereich soll Eisemann im Jahre 1900 Marktführer gewesen sein. Ende der 1920er Jahre wurde das Unternehmen von Bosch aufgekauft (Quelle).


"Die Firma Eisemann unterstützte Gottlob bei seinen Bemühungen selbstständig zu werden. So erhielt er das Angebot, die Firmenvertretung in Wien zu übernehmen, eine Herausforderung, der er sich gerne und mit großem Engagement stellte" (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's).


In der Österreichischen Fahrrad und Automobil Zeitung vom 25. Februar 1913 wird die offizielle Eisemann-Reperaturwerkstätte vorgestellt. "Die Werkstätte in der Unteren Viaduktgasse 8 [war] mit allen modernen Maschinen ausgestattet und beschäftigt[e] (...) 12 Fachmechaniker, unter der bewährten Leitung des Herrn. G. Kemmner, welche lange Jahre als Werkstättenvorstand bei (...) Eisemann (...) in Stuttgart gearbeitet hat".





Das Geschäft entwickelte sich sehr gut. Im Laufe der Zeit gelang es ihm, Hoflieferant beim österreichischen Kaiserhof zu werden. Bei Hofe soll er sich mit dem Zylinderhut unter dem Arm genauso gut zurechtgefunden haben, wie bei Automotoren und in seiner Werkstatt“ (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's).

Eine Auswahl der kaiserlich und königlichen Kammerlieferanten um 1908. Kammerlieferanten belieferten die privaten Gemächer des Kaisers bzw. der Kaiserin und waren demnach eine Steigerung des Hoflieferanten.

Gottlob war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Meinem Opa wurde jedoch von einer Freundin berichtet, die aus Ungarn stammte. Leider kenne ich ihren Namen nicht und da die beiden nicht verheiratet waren, gibt es auch keine Unterlagen darüber.


Im Wiener Adressbuch ist Gottlob von 1912 bis 1917 zu finden. Zwar wird er unter dem Namen Gottlieb oder Gottfried geführt, er wird aber auch als Mechaniker beschrieben. 1912 lebte er zunächst in der Schaumburgergasse 1.


Im Neuen Wiener Tagblatt vom 28. November 1912 sucht er nach einem tüchtigen Magnetmacher für die Werkstätte in der Grailichgasse 3 (S. 48).


„Für den weiteren Ausbau seines Geschäftes holte er seinen Bruder Wilhelm, der ebenfalls gelernter Mechaniker war. Das Geschäft florierte. Die Brüder entschlossen sich für den kaufmännischen Bereich einen Kaufmann, Herrn Hossfeld, einzustellen“ (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's).


Da ich seinen Bruder Wilhelm nicht im Wiener Adressbuch finde, vermute ich, dass Wilhelm mit seiner Familie bei Gottlob gewohnt hat. Das würde auch erklären, weshalb Gottlob bereits 1913 unter einer neuen Adresse etwas außerhalb des Stadtkerns zu finden ist. 1913 und 1914 lautete seine Adresse Maxingstraße 30.


Die großen Werkstätten werden im Jahr 1913 in die Untere Viaduktgasse 8 verlegt (Österreichische Fahrrad- und Automobilzeitung, 25. Februar 1913, S. 15). Diese Adresse befindet sich direkt neben den alten Werkstätten, scheint aber deutlich mehr Platz zu bieten.


Im Jahre 1913, als Gottlob 28 Jahre alt war, verstarb auch sein Vater nach kurzer Krankheit plötzlich.


Einbauhalle mit Automobilien des Konkurrenzunternehmens Bosch im Jahr 1925 (Foto: Bosch).

Als sein Bruder Wilhelm 1914 zum Krieg eingezogen wurde „musste Gottlob noch mehr Arbeit übernehmen, von Schonung war keine Rede mehr. Sein Zustand verschlechterte sich rapide“ (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's). Die Ärzte stellten bei Gottlob eine Kehlkopfschwindsucht fest. Trotzdem arbeitete Gottlob hart. Er zog 1915 ein paar Hausnummern weiter in die Maxingstraße 60. Ab 1916 lebte er in der Altgasse 17 in Wien.


1916 wurde die Eisemann Werkstätte umfirmiert. In der Allgemeinen Automobilzeitung heißt es am 20. Februar 1916: "Die Leitung der Zweigniederlassung [in der Breitenfeldergasse Nr. 20] liegt in den bewährten Händen des G. Kemmner". Auch im Amtsblatt zur Wiener Zeitung, Zentralanzeiger für Handel und Gewerbe finden sich offizielle Informationen über Gottlob als inländischer Vertreter der Firma Eisemann (26. Januar 1916).

„Immer öfter litt Gottlob an hartnäckigen Erkrankungen, zum Auskurieren nahm er sich nie die notwendige Zeit. Er litt immer häufiger an Heiserkeit. Er erzählte seiner Schwester Marie, dass er sich beim Einfahren und Einstellen der Automotoren immer wieder aufs Neue erkälten würde. Die Autos hatten damals noch keine geschlossenes Führerhaus, sodass der Fahrer Wind und Wetter direkt ausgesetzt war“ (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's).


Kehlkopfschwindsucht wurde zur damaligen Zeit auch als "Schwarzer Tod" bezeichnet. Heutzutage kennt man die Krankheit als Tuberkolose. Betroffene leiden häufig unter einem geschwächten Immunsystem, wie vermutlich auch Gottlob, der durch das ständige Einfahren der Automobile bereits angeschlagen war. Er kam zurück nach Unterensingen und sein Zustand schien sich zu bessern. Doch plötzlich bekam Gottlob starkes Fieber. Meinem Opa wurde berichtet, dass das Fieber so hoch war, dass Gottlob nichts mehr wusste und nicht mehr zur Besinnung gekommen ist. Nur vier Jahre nach seinem Vater, starb Gottlob am 10. März 1917 mit nur 32 Jahren an Tuberkolose.


Im evangelischen Kirchenbuch von Unterensingen findet sich auch das Datum seiner Bestattung: Er wurde drei Tage nach seinem Tod auf dem Friedhof in Unterensingen beigesetzt (Württemberg, Germany, Lutheran Baptisms, Marriages, and Burials, 1500–1985).


„Von dem was Gottlob besessen hatte, blieben nur noch zwei Koffer mit persönlichen Habseligkeiten und ein Nachruf der Firma Eisemann. In den 30er Jahren übernahm die Robert Bosch GmbH die Firma Eisemann" (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's).

An anderer Stelle wird beschrieben: "Kemmner war einer der ersten Fachleute auf seinem Gebiet und hatte im Verkehr eine so liebeswürdig biedere schwäbische Art, dass er alle Leute damit gefangennahm. Man nannte ihn gewöhnlich nur 'unser Schwob'" (Allgemeine Automobil Zeitung, 25. März 1917, S. 31).


Etwa ein halbes Jahr nach seinem Tod findet sich nur noch die Löschung seiner inländischen Firmenvertretung im Zentralanzeiger für Handel und Gewerbe (Amtsblatt zur Wiener Zeitung, 12. September 1917).

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