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Als Lehrer in der Hölle des ersten Weltkrieges: Eugen Kemmner

Aktualisiert: 3. Okt 2019

Mein Urgroßonkel Karl Eugen Kemmner wurde am 27. Mai 1889 abends um 21 Uhr in Unterensingen geboren (Württemberg, Germany, Lutheran Baptisms, Marriages, and Burials, 1500–1985). Eugen war das fünfte von sechs Kindern von Matthäus und Fredericke Kemmner. Über seine Brüder Christian Friedrich und Gottlieb Friedrich habe ich bereits berichtet.


Drei Tage nach seiner Geburt, am 30. Mai 1889 wurde Eugen von Pfarrer Hartmann getauft. Pfarrer Johann Gg. Hartmann war von 1877 bis 1896 Pfarrer der Gemeinde Unterensingen (Quelle).


Seine Taufzeugen waren laut des Kirchenregisters Maria Kemmner aus Oberbohingen und Friedrich Balz (Württemberg, Germany, Lutheran Baptisms, Marriages, and Burials, 1500–1985). Maria war Eugen’s Tante, die Schwester seiner Mutter. Johannes Friedrich Balz war der Cousin mütterlicherseits von Eugens Mutter. Friedrich heiratete eine Cousine von Eugens Mutter väterlicherseits. Diese Cousine war ebenso die Cousine von Eugens Vater väterlicherseits, da auch Eugens Eltern Cousin und Cousine waren. Ich frage mich, ob meine Vorfahren und deren Verwandte ihre Familienverhältnisse auch damals schon genauso verwirrend fanden, wie ich heutzutage. Wussten sie, wer mit wem verwandt war?


Die Familienverhältnisse von Karl Eugen Kemmner: Er und seine Taufpaten Maria und Friedrich sind in hellgrau gekennzeichnet.

Aus den Aufzeichnungen meines Opas geht hervor, dass Eugen Lehrer war (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's). Leider konnte ich bisher nicht herausfinden, wo er unterrichtete. Da Eugen jedoch aus bäuerlichen Verhältnissen stammte, vermute ich, dass er an der Grundschule in Unterensingen arbeitete. Ob er seine Arbeit mit Kindern gemocht hat?


Lange hat Eugen als Lehrer jedoch leider nicht gearbeitet. Als der erste Weltkrieg 1914 begann, war Eugen 25 Jahre alt. Er wurde als Unteroffizier der Reserve zunächst in die Argonnen in Frankreich, dann an die Ostfront eingezogen. Die Argonnen waren Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen Deutschen und Franzosen. Der Argonnerwald wird als der gefährlichste und grausamste Kampfabschnitte der gesamten Westfront beschrieben, zahlreiche Menschen verloren hier ihr Leben. Die Franzosen bezeichneten das Gebiet als "die Hölle" (Quelle). Hier herrschte zu Beginn des ersten Weltkrieges ein Minenkrieg in der Ortschaft Vauquois, die einen 290 Meter hohen Berg umfasste. Der Berg war als strategischer Standort umkämpft, weil man von hier feindliche Stellungen überblicken konnte. Über 500 Minensprengungen fanden an diesem Berg statt (Quelle). Diese Erfahrung muss für Eugen, wie auch für alle anderen, schrecklich gewesen sein.


Das Gemälde "Erstürmung der Höhe 285.- Argonnen, 13. Juli 1915" von Georg Schöbel hängt im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Deutsche Stellung im Argonner Wald im Jahr 1914.

Eugen Kemmner wurde vermutlich direkt zu Kriegsbeginn eingezogen, da er bereits in den Deutschen Verlustlisten vom 16. Oktober 1914 zu finden ist (Verlustlisten 1. Weltkrieg, Seite 1392). Er war am rechten Bein leicht verwundet. Da die Verlustlisten vereinzelt auch einige Zeit nach dem Vorfall veröffentlicht wurden, scheint Eugen nicht lange in den Argonnen gewesen zu sein. Der Krieg dauerte erst etwa zweieinhalb Monate als er in den Verlustlisten verzeichnet ist.


Leider wurde Eugen trotz seiner Verwundung recht zeitnah wieder eingezogen. In seiner Traueranzeige liest man: „Nachdem er von seinen in den Argonnen erhaltenen Wunde kaum geheilt war, zog er nach Russland ins Feld, wo er ebenfalls wieder verwundet wurde." Auch seine hierzu passende Eintragung in den Verlustlisten habe ich nach einiger Recherche mit einem Tippfehler im Nachnamen gefunden. In der rechten Spalte findet man mittig einen Unteroffizier Eugen Kemner aus Unterensingen. Er wurde erneut leicht verwundet. Nur vier Monate nach seiner vorherigen Verletzung wurde Eugen bereits wieder eingezogen und verletzt, viel Zeit zur Genesung hatte er demnach nicht.


Auch nach seiner zweiten Verwundung wurde Eugen recht schnell, Anfang Juli 1915 wieder eingezogen. In der Familienbibel schreibt mein Urgroßvater über seinen Bruder: „Den 20. Juli 1915 wurde Eugen im Weltkrieg bei Roßhahn russisch Polen durch eine feindliche Granate verwundet, am 23. Juli ist er im Lazarett Mako gestorben und daselbst auf dem Friedhof begraben - Ehre seinen Andenken“ (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt's).


Für mich ist es schwer begreiflich, wie Eugen innerhalb eines Jahres so viel durchmachen konnte. Er wurde zwei Mal eingezogen und verwundet, hatte sicherlich nicht genügend Zeit, sich nach seinen beiden Verletzungen wieder zu erholen, bevor er ein drittes Mal in den Krieg ziehen musste. Kein Wunder, dass er das dritte Mal mit seinen zwei nicht auskurierten Verwundungen nicht überlebt hat.


Da ich die Ortsnamen Roßhahn und Mako so leider nicht finden konnte, habe ich nach ähnlich klingenden polnischen bzw. russischen Ortsnamen gesucht und bin fündig geworden: Eugen wurde in Rozan im heutigen Polen verwundet und erlag seinen Verletzungen drei Tage später im zwanzig Kilometer entfernten Makow Mazowiecki.


In Rozan befindet sich eine Festungsanlage, die im ersten Weltkrieg genau wie die Ardonnen Schauplatz heftiger Kämpfe war (Quelle). Eugen musste also gleich mehrere schreckliche Einsatzorte miterleben, von denen er leider nie zurückkehrte. Eugen Kemmner starb mit gerade 26 Jahren und liegt irgendwo in Makow Mazowieckie begraben. Gerne wüsste ich, wo er begraben liegt und ob sich jemand um sein Grab kümmert?


Ankunft des 2. Infanterieregiments der polnischen Legionen in Różan im November 1916.

Eugen’s Mutter veröffentlichte eine Traueranzeige für ihren gefallenen Sohn in der Nürtingen Zeitung: „Nachdem er von seinen in den Argonnen erhaltenen Wunde kaum geheilt war, zog er nach Russland ins Feld, wo er ebenfalls wieder verwundet wurde. Anfang Juli trat er seinen dritten Ausmarsch an von dem er nicht wieder zurückkehrten sollte.“ Auch in der Deutschen Verlustliste ist Eugen zu finden, diesmal leider nicht nur als Verwundeter (Verlustlisten 1. Weltkrieg, Seite 8809).


Es gibt bisher leider auch beim Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge keine Hinweise zur Grablage von Eugen. Dieser hat jedoch nach meiner Anfrage zu Eugen eine Anfrage an das Bundesarchiv Berlin gerichtet, wo die Unterlagen über die Angehörigen der deutschen Wehrmacht liegen. Von dort soll ich eine Vermisstenregistrierung oder eine Grablageermittlung erhalten. Vielleicht findet sich das Grab von Eugen ja nach doch nach über 100 Jahren noch.


Ein paar Jahre nach dem Krieg wurde die Portalsumrahmung der Unterensinger Kirche zum Denkmal mit der Inschrift: „Zum ehrenden Gedenken unserer im Weltkrieg 1914-18 gefallenen Söhne. Errichtet im Jahr 1921 von der dankbaren Heimatgemeinde“ (Quelle). Hier ist auch heute noch Eugen’s Name zu finden.


Eugen Kemmner ist als Dritter von unten auf der linken Seite der Portalsumrandung zu Gedenken der im ersten Weltkrieg verstorbenen Soldaten zu finden.

Eugen musste ein schreckliches letztes Lebensjahr erleben. Ich frage mich, wie Eugen's Leben verlaufen wäre, wenn er den Krieg überlebt hätte und mein Opa seinen Onkel hätte kennenlernen dürfen. Hatte er eine Freundin, die er vielleicht geheiratet hätte? Bestimmt hätte er Kinder bekommen, schließlich hatte er sich dazu entschieden, Lehrer zu werden und seinen Alltag mit Kindern zu verbringen. Leider werden wir es nie erfahren.

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