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Begabter Künstler und liebevoller Onkel: Urban Gustav Kemmner

Aktualisiert: 16. Juni 2019

Gustav Kemmner, ein Onkel meines Opas, ist im Umkreis seines Geburtsortes Unterensingen bekannt. Er war Kunstmaler und hat viele Bilder der Umgebung gemalt. Ihm ist im Ort ein kleines Museum, das Gustav-Kemmner-Zimmer gewidmet.


Mehr Informationen zum Gustav-Kemmner-Zimmer


Gustav Kemmner beim Malen (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Gustav wurde am 17. September 1875 in Unterensingen geboren. Er war das erste von acht Kindern von Christiane und Christian Kemmner, meinen Ururgroßeltern.


Die Verbindung von Gustav Kemmner zu seinem Taufpaten Urban Kottler.

Zwei Tage nach seiner Geburt wurde Gustav von Vikar Stolz getauft. Ein Vikar bezeichnet in der evangelischen Kirche einen Theologen in der praktischen Ausbildung (Quelle). Dieser hat den damaligen Pfarrer Keller vertreten. Gustav’s Taufpaten waren Urban Kottler und Anna Maria Gähr. Anna Maria Gähr war entweder die ledige Schwester seiner Mutter oder seine Großmutter, die Mutter seiner Mutter. Gustav's Schwester Christiane hat die selben Taufpaten. Bei ihr ist vermerkt, dass es sich bei Anna Maria um Jacob's Ehefrau handelt. Ich vermute daher, dass auch Gustav's Taufpatin seine Großmutter war. Urban Kottler, Bürger und Bauer in Unterensingen war Gustav’s angeheirateter Halbonkel, also der Ehemann der Halbschwester seines Vaters. Kottlers waren damals wohlhabende Bauern, sie besaßen ein großes Anwesen des ehemaligen Spitalhofes des Esslinger St. Katharinenspitals (Quelle). Dabei handelte es sich um eine ausgedehnte zweiteilige Hofanlage in der Kirchstraße 15 - 21 in Unterensingen (Quelle).


Familie Kottler bewohnte den ehemaligen Spitalhof in Unterensingen (Quelle: Gemeinde Unterensingen. (1995). Unterensingen - Geschichte einer Gemeinde),

Benannt wurde Gustav nach dem schwedischen König Gustav Adolf (1594 - 1632), einer wichtigen Person in der protestantischen Geschichte, der auch zeigt, wie wichtig die Religion für die Bauernfamilie damals war.


Mit sieben Jahren kam Gustav in die örtliche Schule im heutigen Bürgerhaus. Sein Lehrer war Carl Gustav Adolph Knödel. Gustav war sehr begabt, jedoch war für individuelle Förderung bei 70 Kindern im Alter von sieben bis zehn Jahren keine Zeit. So hatte er in der Schule nie Zeichenunterricht. Nach sieben Jahren Schulzeit verließ Gustav 1889 mit 14 Jahren die Volksschule, wurde konfirmiert und half von nun an seinen Eltern bei den landwirtschaftlichen Aufgaben.


1895 wurde Gustav zum Württembergischen Militär einberufen. In der Familienbibel seiner Eltern ist vermerkt, dass Gustav von 1895 bis 1897 bei der Artillerie diente. Nach seiner Zeit beim Militär widmete Gustav sich seiner Leidenschaft, der Kunst, und verlies den elterlichen Hof nach familiären Kämpfen, denn sein Vater hatte kein Verständnis für das Malen. Man kann sich gut vorstellen, dass eine solch brotlose Kunst in bäuerlichen Kreisen damals als unnötiger Luxus galt. Trotzdem erfuhr er die Unterstützung seiner Mutter und Geschwister und konnte seinen Vater überzeugen, dass der Beruf des Bauern nicht das richtige für ihn war.


In Stuttgart begann Gustav eine Lithografenlehre in der Lithografischen Anstalt von Georg Knoblauch in der Böblinger Straße 43A. Die Lithografie bezeichnet ein Druckverfahren, bei dem das zu druckende Motiv spiegelverkehrt angefertigt werden muss (Quelle). Neben seiner Lehre nahm er Zeichenunterricht an der gewerblichen Fortbildungsschule. 1900 schloss er seine Lehre ab und arbeitete dann ein Jahr als Geselle als Lithograf.


Lithografie von Unterensingen von Gustav Kemmner auf der auch sein Elternhaus links im Bildrand zusehen ist (Quelle: Gemeinde Unterensingen (1995). Unterensingen - Geschichte einer Gemeinde).

Ab etwa 1901 lebte Gustav wieder in Unterensingen und hatte Kontakt zu Julius Kornbeck, einem begabten Maler, der im Nachbarort Oberensingen lebte und zu diesem Zeitpunkt bereits über 60 Jahre alt war. Kornbeck war eine Art Mentor für Gustav. Er verbrachte viel Zeit im Wohnhaus seines Mentors, dem sogenannten „Schlössle“.


Gustav Kemmner geigespielend (links) mit seinem Mentor Julius Kornbeck (malend) (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Dieser ermutigte Gustav auch, sich bei der königlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart zu bewerben, in die er 1905 eintrat. Dort wurde er unter anderem von Friedrich von Keller unterrichtet im Zeichnen, Malen und Komponieren, denn Gustav hatte nicht nur eine malerische Begabung, er war auch ein ausgezeichneter Geigenspieler. Sein Studienkollege Saile hatte ihm damals schon geraten, die Welt zu sehen. Aus diesen Grund ist Gustav vermutlich auch später nach Mühlhausen gezogen.


Gustav Kemmner (stehend, dritter von links) im Kreise seiner Studienkollegen und des Lehrers Friedrich von Keller (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

In seinem Buch erinnert sich mein Opa daran, dass Gustav gerne reimte. Als ihm während seines Studiums die Wäsche ausging, schrieb er nach Hause:


" Gehet`nai zur Ahne Gähr, sie soll eilends bauchen,

denn die Sache eilt so sehr, weil wir Wäsche brauchen.

Und was Marie gerne hätte,

eine Damenuhr mit Kette,

würd ich ihr ganz gerne kaufen,

wenn ich Goldstück hätt in Haufen."

(Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt’s)


Auf seinen Unterensinger Ackern pflanzte Gustav Kartoffeln. Mein Opa Otto erinnert sich daran, wie er und seine Geschwister dabei geholfen haben. Später hat er seine Acker verkauft. Dabei hat mein Urgroßvater Hermann Kemmner, der Vater meines Opas, einen dieser Acker erworben.


Kurz vor Kriegsbeginnn stellte er gemeinsam mit 150 weiteren Künstlern seine Bilder bei einer Ausstellung im Nürtingen Realprogymnasium, dem heutigen Max-Planck-Gymnasium aus. Die Ausstellung fand vom 01. April bis 10. Mai 1914 statt und wurde auch vom König besucht. Auch der spätere Bundespräsident Theodor Heuss besuchte die Ausstellung und war angeblich begeistert von den Gemälden Gustav’s.


Die Ausstellung in Nürtingen wird auch vom König Wilhelm II. besucht (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Zu Kriegsbeginn 1914 muss Gustav gemeinsam mit seinen Brüdern Christian und Wilhelm einrücken. Er kämpfe im ersten Weltkrieg in der Artillerie in Flandern und Nordfrankreich und überlebte ohne äußerliche Verletzungen.


Gustav Kemmner als Soldat im ersten Weltkrieg (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Am 12. August 1920 heiratet Gustav die Köchin Karoline Leicht aus Stuttgart, die er sehr liebte. Zu seiner Schwester Marie, meiner Urgroßmutter sagte Gustav über seine Frau: „Marie, ich hab einen Engel kennengelernt.“ Die Ehe der beiden muss sehr liebevoll gewesen sein. Wo sich die beiden wohl kennengelernt haben?


Seine Ehefrau Karoline Leicht malte Gustav viele male (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Da Gustav’s Mentor Kornbeck im selben Jahr verstorben war, zogen Gustav und seine Frau Lina in sein „Schlössle“ in Oberensingen ein. Dort wohnte das Paar bis 1929. Auf Wunsch von Kornbeck’s Witwe Josephine vollendete Gustav noch einige der unfertigen Gemälde von Julis Kornbeck.

Das "Schlössle" in Oberensingen bewohnten Gustav und seine Frau Lina von 1920 bis 1929 (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Das Ölgemälde Gustav Kemmners' zeigt den Hof des hinteren Schlössles in Nürtingen. Möglicherweise handelt es sich um seine Frau Lina, die die Hühner füttert (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger, Kaßberger, 2004).

Lebenslang war Gustav finanziell knapp. Zwar war er sehr fleißig, jedoch hatte er mit dem Verkauf seiner Bilder kein festes Einkommen. Für seinen Lebensunterhalt musste Gustav seine Bilder verkaufen. Das Paar hatte außerdem eine Hühnerzucht und verkaufte Eier. Durch das Erbe nach dem Tod seiner Mutter 1924 hatte er etwas Spielraum und auch seine Brüder Wilhelm und Gottlob unterstützen in finanziell. Dennoch war er besorgt, dass seine jüngere Ehefrau es nach seinem Tod nicht gut haben könnte. Sein Neffe Gustav beschreibt seine finanzielle Situation so: „Die Sorge um die Zukunft, ja oftmals um den nötigen Groschen war das Thema seines Lebens. Ein fröhliches Herz und der unerschütterliche Glaube, mit seiner Kunst die Probleme lösen zu können, halfen ihm darüber hinweg“ (Kemmner, G. (1998). Nürtinger Jahrbuch).


Eines seiner Bilder wurde auch bei der „Jubiläumsausstellung“ des württembergischen Kunstvereins vom 22. Juni bis 15. September 1927 im Kunstgebäude am Schlossplatz in Stuttgart ausgestellt. Zur gleichen Zeit etwa fand eine Ausstellung in Reutlingen im Hotel Ochsen statt, dessen Besitzer mit Gustav befreundet waren.


Etwa 1929 baute er ein Haus in der Wenzelstr. 46 in Mühlhausen, das heute zu Stuttgart gehört. Da er finanziell nie auf großem Fuß leben konnte, bezahlte er die Bauarbeiten teilweise mit Bildern. Am 27. Juni 1929 zog er dort gemeinsam mit seiner Frau Lina ein (Zentralstelle für Personen- und Familiengeschichte. Württembergische Ortsfamilienbücher - Ortsfamilienbuch Oberensingen. Reihe A Band 549).


Gustav baut sein Haus in der Wenzelstraße 46 in Mühlhausen, damals noch recht einsam (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Der Neffe des Malers, ebenfalls Gustav Kemmner und mein Großonkel 2. Grades, berichtet 1998 im Nürtinger Jahrbuch über seinen Onkel und sein Haus: „Wenn mein Onkel von seinem Haus erzählte, geriet er ins Schwärmen. Er war ungemein begeisterungsfähig: Alle erdenklichen Gesichtspunkte seien bei der Planung bedacht worden. So würden zum Beispiel die Wasserleitungsrohre im Kellerabgang als Handläufe fungieren. Die Räume seien funktionsgerecht geplant. Sogar ein Hühnerstall wäre im Haus integriert. Den größten Raum beanspruchte das Atelier. Sein sehr breites Fenster gab den Blick frei über den großen Garten hinweg, hinunter auf die verschachtelten Häuser und die gotische Kirche von Mühlhausen“ (Kemmner, G. (1998). Nürtinger Jahrbuch).


Kontakt nach Mühlhausen hatte Gustav vermutlich durch seinen Freund Jakob Melchinger der dort einen großen Hof verwaltete. Mein Opa erinnert sich noch an einen Ausflug von Unterensingen nach Mühlhausen, er muss etwa etwa acht Jahre alt gewesen sein. "Für uns Kinder gab es bei unserem Onkel allerhand zu sehen. Zum Haus gehörte ein relativ großer Garten. (...) Zum Zeitvertrieb bekamen wir, wie konnte es bei einem Maler anders sein, Papier und Bleistifte und durften malen. Die Zeit verging wie im Flug" (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt’s).


Sein Haus in Mühlhausen hatte einen großen Garten mit Erdbeeren, die die Kinder nach Lust und Laune pflücken und verspeisen durften. Mein Opa, seine Geschwister, Cousins und Cousinen mochten Gustav sehr. Erzählungen meines Opas zufolge war er immer nett und hat nie geschimpft. Er wird als gütig und humorvoll beschrieben. Mein Opa erinnert sich, dass sein Bruder Richard einst ein schönes kleines Ölgemälde seines Onkels kaufen wollte, um ein Mädchen zu beeindrucken. Als er das Bild bekam, lag ein Zettel bei: "Richard Kemmner, Distelmatthis, bekommt das Bildle gratis" (Kemmner, Ein Blick zurück: Brot und Salz - Gott erhalt’s).


Im Adress aus dem Jahr 1940 ist Gustav in der Wenzelstraße 46 in Stuttgart gelistet. Auch heute noch befindet sich sein Haus dort.


Gustav ist immer gerne gewandert und gereist. Seine Nachbarn aus Stuttgart erinnern sich, dass er oft verschlossen und geistesabwesend wirkte, wenn er mit Rucksack und einem Hocker aufbrach. Gustav war generell sehr besinnlich, nachdenklich und beobachtete gern. Besonders gern wanderte und malte er die Schwäbische Alb. Außerdem besuchte er seinen Professor Christian Landenberger am Ammersee und malte dort viele Bilder. Auch in der damaligen Künstlerkolonie in Dachau hat er sich aufgehalten.


Kurz vor seinem Tod erstellte Gustav im Rathaus seines Geburtsortes zwei Wandfresken mit bäuerlichen Szenen, die durch spätere Bauarbeiten leider zerstört wurden. Darauf war unter anderem meine Großtante, die Schwester meines Opas, abgebildet. Heute existieren nur noch Bilder. Für seine Arbeit erhielt er 300 Mark. Bei seinen Aufenthalten in Unterensingen kam er meist bei seiner Schwester Karoline unter.


Ausgabenbeleg für die von Gustav Kemmner erstellen Wandfresken im Unterensinger Rathaus, für die er 300 Reichsmark erhielt (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Am 02. März 1941 starb Gustav mit fünfundsechszig Jahren in Mühlhausen an Magenkrebs. Es fand eine große Beerdigung mit zahlreichen Reden statt. Sein Grab befindet sich direkt am Haupteingang des Friedhofs in Mühlhausen neben seinem Freund Melchinger. Gustav zeichnete nur ein einziges Portrait von sich selbst. Dieses zeigt ihn mit zweiundsechzig Jahren. Er wird als guter Gesprächspartner, schlagfertiger Erzähler und leidenschaftlicher Maler erinnert.


Karoline lebte weiterhin im Haus in der Wenzelstraße. Sie lebte vom Verkauf seiner Bilder und der Untervermietung von Räumen des Hauses.


Nach Gustav’s Tod fand eine Ausstellung seiner Spätwerke im Kunsthaus Schaller in Stuttgart statt. Leider sind viele dieser Bilder, die in einem Tresor der Dresdener Bank aufbewahrt wurden, durch Bombenangriffe im zweiten Weltkrieg zerstört worden.


Karoline erkrankte später an Altersdemenz und starb 1968 in einem Altersheim in Neuenheim.


Gustav's Ehefrau Lina beim Stricken (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Viele der Informationen sind der Gustav Kemmner Biografie entnommen, die hier erworben werden kann (Gustav Kemmner. (2004). Hrsg.: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger. Kirchheim unter Teck: GO Druck Media Verlag).


Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle auch an Günter Kaßberger, der sich in Unterensingen sehr engagiert, das Gustav-Kemmner-Zimmer betreut und mir schon die ein oder andere Frage beantworten konnte.

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